Der soeben in den Kinos angelaufene Science-Fiction-Film Blade Runner 2049 hat mehr mit Übersetzen, kultureller Vielfalt und der Verbesserung der Welt zu tun, als man vermuten möchte. Schon sein Vorgänger aus dem Jahr 1982 und dessen Romanvorlage durfte man als tiefgründige Aufrufe zu mehr Kommunikation und Menschlichkeit verstehen.

Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Diese Frage warf der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick in seinem 1968 erschienen Roman Do Androids Dream of Electric Sheep? auf.[1] Vierzehn Jahre später diente er dem britischen Regisseur Ridley Scott als Vorlage für den zunächst wenig erfolgreichen Hollywood-Film Blade Runner. (Unter diesem Titel wird seitdem auch die Romanvorlage vermarktet.) Dass der Streifen dennoch Kultstatus erlangt hat und dieser Tage sogar als Blade Runner 2049 in einer Art Fortsetzung in die Kinos kommt, liegt wohl an der eigenartigen Faszination, die das Morbide in all seiner Tragik auf uns ausübt. Blade Runner war die düstere Vision einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Menschen nur noch mittels ausgefeilter Tests von ihren selbst erschaffenen Untertanen, den „Replikanten“, unterschieden werden können. More human than human seien diese Androiden, so der Slogan der Tyrell Corporation, die das globale Monopol auf die Kunstwesen hat. So viel unberechenbare Menschlichkeit verlangt nach staatlicher Kontrolle, und deswegen gibt es als „Blade Runner“ bezeichnete (menschliche) Polizisten, die aufrührerische Replikanten jagen, um sie „aus dem Verkehr zu ziehen“ – ein unspektakulärer Euphemismus für „vernichten“ oder „töten“, je nach Perspektive des Betrachters.

Trotz oder wegen zahlreicher Abweichungen von seinem literarischen Vorbild hat der Film die größere Marktdurchdringung und somit einen höheren Bekanntheitsgrad erreicht. Vermutlich kennen Sie also den Film, nicht jedoch das Buch. Das macht aber nichts, denn die Thematik und die Motive sind die Gleichen, lediglich einige Schlussfolgerungen in Bezug auf „Menschlichkeit“ und „Künstlichkeit“ scheinen sich zu widersprechen. Als Denkanstoß und Einstieg in Betrachtungen über künstliche Intelligenz, Macht und Zerfall taugen beide Werke gleichermaßen.

Wer beruflich zwischen Sprachen, Kulturen und Branchen übersetzt, fühlt sich von den in Blade Runner allgegenwärtigen, sprachlichen und ethnischen Durchdringungen irgendwie angesprochen. Als der Filmstoff geboren wurde, mitten im amerikanischen Annus horribilis 1968, war dies sicherlich auch als Kritik an der Gedankenlosigkeit zu verstehen, mit der man von den USA als einer Art „Schmelztiegel“ sprach, dem melting pot of nations. In ihn sollten alle zugewanderten Kulturen einfließen – nachdem sie ihre Traditionen, Riten, Hautfarben und Sprachen abgelegt oder ausgeblendet hatten. Diese Phantasie hatte etwas Unterdrückerisches an sich, und sie war angesichts der Vielfalt eines multikulturellen und vielsprachigen Potpourris aus verschiedensten Ethnien nicht durchsetzbar. Denn Integration braucht Identität, und es ist vor allem die Sprache als Krone der Kultur, über die Menschen sich identifizieren. Dies ist einer der Gründe, weshalb das Gesellschaftsbild in Blade Runner von einer solch erschreckenden Düsternis geprägt ist: Alles steuert einer Sprach- und Übersetzungslosigkeit entgegen, an deren Ende völliger Zerfall und Zerstörung stehen.

Blade Runner spielt mit dem aus der jüdischen Mystik entlehnten Bildnis vom „Bruch der Gefäße“, dem babylonischen Auseinanderstieben der Sprachen und ihrer als Umkehreffekt durch permanente Übersetzung hervorgerufenen Wiedervereinheitlichung, dem Tikkun Olam („Reparatur der Welt“)[2]. Dass also die zerbrochenen Gefäße wieder heil werden, ist das Verdienst beständigen Übersetzens. Folgerichtig kennt die morbide Cyberwelt in Dicks Zukunftsvision nur noch eine Sprache: „Cityspeak“. Sie ist eine Melange aus Englisch, Spanisch, Deutsch, Dänisch, Japanisch und anderen Sprachen, die einst in unglaublicher Vielfalt existierten und ihrerseits Destillate aus anderen Sprachen und Dialekten darstellten. Die Aufgabe des Übersetzers ist in dieser Zukunftsvision hinfällig geworden. Der beängstigend hohe, himmelwärts strebende Turm der Tyrell Corporation lässt indes die Hoffnung auf einen baldigen Zusammenbruch des Systems und die Wiederherstellung von sprachlicher Vielfalt zu.

Was hat all dies mit unserer beruflichen Gegenwart zu tun? Eine ganze Menge, wie ich finde. In seinem 2008 erschienen Buch „Handwerk“ prägt der amerikanische Soziologe und Arbeitstheoretiker Richard Sennett den Begriff des „Spiegelwerkzeugs“.[3] Dies sind Hilfsmittel, die in der modernen Arbeitswelt eingesetzt werden, um Arbeitsvorgänge einerseits zu beschleunigen und andererseits zu perfektionieren. „Spiegelwerkzeuge“ nennt Sennett sie deshalb, weil sie als Spiegelbilder des Menschen wahrgenommen werden können. Unter Verweis auf die in „Blade Runner“ rebellierenden Androiden unterscheidet Sennett zwischen zwei Arten von Spiegelwerkzeugen: Roboter und Replikanten. Ein Roboter ist ein Spiegelwerkzeug, das dem Menschen zeigt, wie er sein könnte, wenn seine ohnehin schon vorhandenen Fähigkeiten steigerungsfähig wären. Ein Roboter ist also eine Maschine, die mit unglaublicher Schnelligkeit ein Auto zusammensetzen, mit besonderer Gründlichkeit riesige Fensterfronten putzen oder mit äußerster Präzision ein Werkstück zuschneiden kann. Er übertrifft den Menschen über alle Maßen und leistet perfekte Arbeit. Ein Replikant hingegen ist ein Spiegelwerkzeug, das dem Menschen zeigt, wie er ist und wozu er eigentlich in der Lage sein sollte. Ein Herzschrittmacher, ein Dialysegerät oder eine Überwachungskamera sind Replikanten. Letztere ahmen den Menschen nach, Roboter machen ihm etwas vor. Replikanten handeln menschlich, Roboter übermenschlich.

Übersetzer nutzen seit einem guten Vierteljahrhundert die Dienste von Robotern. Gemeint sind die Maschinen, deren Gedächtnisleistungen so phänomenal sind, dass sie uns jeden Satz, den wir im Laufe unseres Berufslebens je übersetzt haben, ohne merklichen Zeitverlust präsentieren und punktgenau in unseren Text einbauen können. Die uns in Bruchteilen von Sekunden sagen können, wie wir dieses oder jenes Wort in den unterschiedlichsten Kontexten verwendet haben und wie es um unsere Produktivleistung in der laufenden Woche bestellt ist. CAT-Systeme sind Sennettsche Roboter par excellence, und man darf sich nicht durch den Umstand täuschen lassen, dass diese Kreaturen aus nichts weiter als einer Menge unsichtbarer, wenn auch wohlgeordneter und sehr diszipliniert auftretender Einsen und Nullen bestehen.

Auch die andere Kategorie der Spiegelwerkzeuge, die humanoiden Replikanten, sind in der schönen neuen Übersetzerwelt längst angekommen. Und wie ihre fiktiven Artgenossen in Blade Runner, sind sie vielen von uns ein Dorn im Auge. Wir lachen über ihre Arbeitsergebnisse, verweigern ihnen jede Zusammenarbeit und Zuneigung oder betrachten sie gar als Konkurrenten, gegen die es tunlichst vorzugehen gilt. Die maschinelle Übersetzung wurde nach unserem Ebenbild erschaffen und besitzt nun die Vermessenheit, uns einen Spiegel vorzuhalten, in dem wir alles andere als Perfektion erblicken. Das empfinden wir als Hohn und reagieren verärgert. Auch wissen wir, dass dieses infame Spiegelwerkzeug nicht uns Menschen dient, sondern der Translation Industry, einem Machtgefüge, das intellektuelle und kreative Arbeit zur technisch reproduzierbaren Handels- und Spekulationsware degradiert hat.

Allerdings stehen die Chancen, im Spiegel der maschinellen Übersetzung in naher Zukunft so etwas wie Ebenmaß und Schönheit wahrzunehmen, gar nicht mal so schlecht. Schon verbünden sich CAT[4]-Roboter mit MÜ[5]-Replikanten, um Produktivität ungeahnter Ausmaße auf Kosten handwerklicher Individualität zu erzielen. Schon spricht man vom „Humanübersetzer“, der den Spiegelwerkzeugen nur noch in einem Punkt dienlich ist: In der Perfektionierung ihrer Ergebnisse. Und genau hier verkehrt sich das, was Übersetzer mit handwerklicher Identität Jahrtausende lang als ihre Aufgabe betrachten durften, in ihr Gegenteil. Denn bisher waren es stets die „Humanübersetzer“, die unvollkommene, durch Unterschiedlichkeiten und „Inkonsistenzen“ auffallende Arbeitsergebnisse erbrachten. Die Ungleichmäßigkeit des Resultats, die darin offenkundigen Spuren des Vergessens und gelegentliche lexikalische Varianz machten das von Menschenhand geschaffene Werk trotz und gerade wegen seiner Unzulänglichkeiten interessant, verliehen ihm Charakter. Perfekte Dinge sind selten spannend. Daher wird es immer Akteure brauchen, um den Resultaten der auf Perfektion ausgerichteten Spiegelwerkzeuge das nötige Quantum an Menschlichkeit einzuhauchen. Ob diese Aufgabe in Zukunft Übersetzern zufallen wird, ist paradoxerweise fraglich.

Einem Artikel der angesehenen Computerzeitschrift c’t zufolge, werden bereits seit über 25 Jahren journalistische Texte von Maschinen erzeugt.[6] Wetterberichte zum Beispiel, gerne auch mehrsprachig. Und Artikel über Sportveranstaltungen, mitsamt den dazugehörigen Spannungsbögen und dramaturgischen Ausschmückungen. Natural Language Generation (NLG) ist zum Betätigungsfeld einer eigenen, bereits über 300 Arten zählenden Gattung von Replikanten geworden, die auf so klangvolle Namen wie „DIOGENES“, „BABEL“ oder „GameChanger“ hören.[7] Die Zukunftsaussichten jener Replikanten sind rosig: Im genannten c’t-Artikel aus dem Jahr 2012 wurde angehenden Sportjournalisten dazu geraten, die künstliche Konkurrenz im Auge zu behalten. Und in einem neueren c’t-Beitrag aus dem Jahr 2017 wird gar festgestellt, dass menschlichen Lesern die Unterscheidung zwischen biologisch und maschinell erzeugten Texten nicht mehr möglich sei.[8]

Solche Entwicklungen haben etwas zutiefst Verstörendes an sich. Schon liegt sie nämlich brach, die medientechnische Handhabungskompetenz, die wir uns eifrig angeeignet haben, um in der Translation Industry bestehen zu können. Es drängt sich die Vermutung auf, dass diese handwerklichen Fertigkeiten für sich alleine nur wenig zu unserem Fortbestand beitragen werden. Wir erkennen heute das Verschwinden unserer Unnachahmbarkeit und müssen sehen, wie wir damit umgehen wollen. Dass unsere Abschaffung voranschreitet, ist jedoch nicht den Scherben einer Amphore geschuldet, sondern unserer eigenen Sprachlosigkeit und Schicksalsergebenheit. Das epochale Regime der Spiegelwerkzeuge hat zwar begonnen und wir können es nicht stoppen, aber wir können und sollten dazu in kreative Opposition treten.

Einen Lichtblick sehe ich: Das Berufsbild des Übersetzers ist mitnichten im Zerfall begriffen, sondern gewinnt zunehmend an Profil. Wir sind keine Wiederkäuer mehr, deren einzige Aufgabe bis vor wenigen Jahren noch darin Bestand, Texte abzugrasen und in übersetzter Form wieder auszuspucken. So etwas machen jetzt elektrische Schafe und andere Maschinen. Wir hingegen agieren zunehmend in Personalunion als IT-Administratoren, Berater, Buchhalter, Redakteure, Lektoren, Terminologen, Marketingleute, Qualitätsbeauftragte, Geschäftsvermittler, Projektmanager und Kommunikationsspezialisten. Dieses konsolidierte Profil gilt es weiter zu schärfen und nach außen zu tragen, damit wir unsere Arbeit zukünftig in Würde und Wertschätzung verrichten können. Und von den Übersetzungshändlern der Translation Industry, die mit perfektionsorientierten Werkzeugen zur „Qualitätssicherung“ hantieren, wünsche ich mir ein Nachdenken über den Mangel an Lebendigkeit und Charakter, den solche Prozesse für den Liefergegenstand zur Folge haben. Niemand verlangt, sinnentstellende Fehler einfach durchgehen zu lassen. Wenn es jedoch nicht gelingt, das Charaktervolle und zutiefst Menschliche unseres Tuns erkennbar herauszustellen, wird in der Tat eine schon jetzt bedrohliche Allianz aus Robotern, Replikanten und Industriellen für die nächsten Jahrhunderte die Regeln diktieren, nach denen wir unserer Arbeit nachgehen sollen. Und das gilt nicht nur für Übersetzer.

Eingangs war von der Frage die Rede, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen. Diese Frage ist geklärt: Sie tun es, und man kann ihnen dabei sogar zusehen. Das glauben Sie nicht? Unter http://electricsheep.org/ finden Sie den lebenden Beweis.

Quellen

[1] Dick, Philip K. Blade Runner. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Norbert Wölfl. (Titel der Originalausgabe von 1968: Do Androids Dream of Electric Sheep?). Heyne Verlag 2002. ISBN-13: 978-3453217287

[2] Scholem, Gershom. Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Suhrkamp Frankfurt 1967, S. 291-295

[3] Sennett, Richard. Handwerk. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff. (Titel der Originalausgabe: The Craftsman.) bloomsbury taschenbuch 2009. ISBN-13: 978-3833306327.

[4] computer-aided translation (computergestützte Übersetzung)

[5] Maschinelle Übersetzung (machine translation, MT)

[6] Marsiske, Dr. Hans-Arthur: „Schreib-Maschinen“. In: c’t Magazin für Computertechnik, 25/2012; Heise Zeitschriften Verlag GmbH & Co. KG, ISSN 0724-8679.

[7] NLG Systems Wiki, http://www.nlg-wiki.org/systems/Category:NLG_system

[8] Wölbert, Christian: „Den Unterschied merkt man nicht“. In: c’t Magazin für Computertechnik, 3/2017; Heise Zeitschriften Verlag GmbH & Co. KG, ISSN 0724-8679.

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