Gelegentlich werde ich von Studierenden gefragt, was ein Übersetzer tun könne, um seine Sprachkompetenz zu entwickeln. Es ist ja nicht so, dass man seine Schulzeit absolviert, den einen oder anderen Auslandsaufenthalt hinter sich bringt und dann einer Fremdsprache mächtig ist, sie gar beherrscht. Denn zum einen beherrscht niemand jemals eine Sprache, sondern es sind immer die Sprachen, die uns beherrschen. Und zum anderen fängt der vertiefende Lernprozess mit Beginn des Sprachstudiums erst richtig an, wenn auch eine sehr solide Grundlage dann bereits vorhanden sein sollte.

Eine Antwort lautet natürlich: Unter Leute gehen, die Konversation suchen. Doch das ist manchmal leichter gesagt als getan. Zum einen muss man das mit einer gewissen Konsequenz tun, zum anderen kosten Reisen ins Ausland Geld, und davon hat man gerade im Studium und in den ersten paar Berufsjahren nie besonders viel. Also kann die Antwort nur lauten: „Lesen, lesen, lesen!“ Und man möchte hinzufügen: „Übersetzen, übersetzen, übersetzen!“ – denn da ist das Lesen immer schon mit inbegriffen. Übrigens ist die Erlangung von Sprachkompetenz nicht nur für Fremdsprachen wichtig, sondern in besonders hohem Maße auch für die eigene Muttersprache. In diese übersetzt man gemeinhin, und daher ist muttersprachliche Kompetenz für einen Übersetzer von überragender Bedeutung.

Wenn ich so zurückdenke, dann haben mir von allen Textsorten, die einem begegnen können, englische Songtexte die meiste Sprachkompetenz verschafft. Und zwar seit meiner Jugend. Das begann in den 70er Jahren, in denen ich meine Gymnasialzeit verbrachte. Damals herrschte an vielen Schulen in Deutschland Aufbruchstimmung. Der Gedanke der Selbstverwaltung schwappte von den Universitäten zurück in die Gymnasien und ließ ansatzweise so etwas wie eine Mitbestimmung der Schülerschaft entstehen. Es gab immer weniger Gewalt gegen Schüler. Und der Unterricht wurde lockerer: Lehrer verzichteten zunehmend auf Drohgebärden und autoritäres Gehabe, manche ließen sich von ihren Schülern gar duzen, waren gemeinsamen Feten nicht abgeneigt und taten so ziemlich alles, um bei den Kids cool anzukommen und ihre älteren Kollegen trottelig aussehen zu lassen.

An meiner Schule kam all dies mit einiger Verspätung und in etwas abgeschwächter Form an. Die Liberalisierung des Unterrichts bemerkten wir vor allem im Musiksaal. Dort führte ein etwas elitärer, sehr ungerechter Lehrer das Regiment. Er bestand darauf, dass seinem Namen stets der Titel „Gymnasialprofessor“ vorangestellt wurde, zumindest auf allen Schriftstücken, die ihren Weg in die Elternhäuser oder gar in die Öffentlichkeit fanden.

Dieser Lehrer hatte keine große Lust auf Klassenarbeiten oder dergleichen, also führte er ein einfaches Benotungsschema ein: Wer auf einem Musikinstrument vorspielte, bekam eine Eins. Wer im Unterricht mitmachte und brav über seine Scherze lachte, bekam eine Zwei. Die restlichen Noten wurden nach Gutdünken vergeben, wobei es schon mal vorkam, dass er missliebige Schüler mit einer Sechs im Zeugnis abservierte und diese somit die Klasse wiederholen durften.

Einige Wochen vor der Zeugnisausgabe stand also regelmäßig das große Vorspielen im Musiksaal an. An einem Montag im Jahr 1977, ich besuchte die zehnte Klasse, lief jedoch alles ein bisschen anders. Es hatte in den Musikstunden zuvor bereits etliche Vorträge auf der Blockflöte, auf der damals sehr beliebten Melodica, auf einer Trompete und am Klavier gegeben, und alle freuten sich, wenn ihnen „Alle meine Entchen“ glückte und ihnen das die ersehnte Eins einbrachte. Dies senkte den Notenschnitt in den meisten Fällen so weit ab, dass der Familienfriede gerettet war.

Und dann kam Pit. Er hatte eine schwarze E-Gitarre dabei, die gut zu seinen langen schwarzen Locken passte, ebenso einen Verstärker und einen Wah-Wah-Verzerrer. Manche nannten ihn „Zappa“, weil die Ähnlichkeit durchaus verblüffend war – nicht nur äußerlich, sondern auch, was den Umgang mit der Gitarre anbelangte. Nur bei der Körpergröße konnte Pit nicht mithalten, denn anders als der große Zappa war er von sehr kleiner Statur. Unser Musiklehrer versuchte sich die Überraschung nicht anmerken zu lassen, sondern wartete geduldig, bis Pit die Gitarre gestimmt und die Röhren seines Verstärkers auf Temperatur gebracht hatte. „Na, da hast Du ja ganz schön was zu schleppen gehabt heute. Was möchtest Du uns denn vorspielen?“ Pit hängte sich die Gitarre um, mit der er sofort verschmolz, und fragte zurück: „Herr Auner, wir könnten ja mal `nen Blues spielen, oder?“ Nein, auf „Alle meine Entchen“ hatte Pit heute keine Lust. Woraufhin sich unser Herr Auner vor sein Klavier stellte und in die Tasten griff, um ein paar Akkorde vorzugeben. Pit stieg gut und sehr laut ein. Auner spielte einen schrecklich schulbuchmäßigen und langweiligen Boogie runter. Pit nutzte seine Chance und legte eine Darbietung hin, die niemand jemals vergessen konnte. Die ganze Schule nicht. Am Ende riss er Herrn Auners spießiges Geklimper mit irrwitzigen Licks, Trillern und großzügigem Wah-Wah-Einsatz in Tausend Stücke. Doch sie trafen sich dann irgendwie wieder im Schlussakkord, und das Ganze fand einen versöhnlichen Ausklang.

„Wie lange spielst Du schon?“ fragte Auner, nachdem er sich den Schweiß von der Stirn gewischt hatte. „So ungefähr zwei Jahre“, antwortete Pit lässig. „Na dann bleib mal schön dran“, riet ihm Auner. Und im Nachhall schien man fast so etwas wie „Das wird einmal ein ganz Großer“ zu hören.

Musik in die Schule mitzubringen, in welcher Form auch immer, war danach gang und gäbe. Meistens geschah das in Form von Langspielplatten, die man sich gegenseitig auslieh oder mit denen man einfach nur ein bisschen angeben wollte. Bald kannte jeder die Stellen, an denen auf diversen Alben auf Englisch geflucht, gebrüllt und gerülpst wurde, und das war damals echte Rebellion. Die Sache hatte nur einen Haken: Kein Mensch verstand die Texte. Selbst die Titel gaben oft Rätsel auf. Und was niemand wusste: Die Musiker selbst hatten oftmals keine Ahnung, was sie da so von sich gaben. (Das behauptete jedenfalls Phil Collins von den Texten Peter Gabriels, als der noch der kreative Kopf von Genesis war.)

Zum Glück gab es aber mich. Denn ich war unbestritten der Beste in Englisch, hatte ich doch meine Grundschulzeit in einer englischsprachigen Schule in Kanada verbracht und erst danach so etwas wie den Quereinstieg in die deutsche Sprache geschafft. Und so hielten mir beinahe täglich irgendwelche Mädels ihre Santana- oder Supertramp-Alben unter die Nase und baten um Übersetzung. Das gefiel mir aus nachvollziehbaren Gründen ganz gut, und außerdem konnte ich dabei richtig was lernen. Manche Songtexte waren wirklich lyrisch, andere eher albern und manche einfach nur wirr. Ich begann zu erkennen, dass Songtexte einen gehörigen Einfluss auf junge, unverbrauchte Gehirne haben konnten. Sobald man sie zu verstehen begann, fraßen sie sich immer tiefer in das Bewusstsein ein.

Nach etlichen Songs, die ich in Poesiealben oder direkt auf dem Plattencover übersetzen durfte, wofür durchaus mal eine Einladung in die Eisdiele rauspringen konnte, kam es zu einem Einschnitt. Plötzlich stand nämlich Pit vor mir und fragte: „Hey, sag mal, was heißt eigentlich ‚Camarillo brillo?‘“ Diese Frage war aus zwei Gründen bemerkenswert, denn zum einen brachte sie mich peinlicherweise an meine Grenzen, und zum anderen hatte sie mir der Zweitbeste in Englisch gestellt. Denn auch Pit hatte einige Jahre in Nordamerika verbracht, und zwar in Tucson, Arizona, wenn ich mich recht erinnere. Er konnte einiges an Nicht-Schulenglisch aufbieten und war auch bei den weniger salonfähigen Ausdrücken sehr firm. Warum also jetzt dieser Zappa-Vers, der mich immer tiefer in einen Strudel aus armseligen Erklärungsversuchen riss? Auch der nähere Kontext trug wenig zur Erhellung bei:

She had that Camarillo brillo

Flamin‘ out along her head,

I mean her Mendocino bean-o

By where some bugs had made it red

Die Antwort war am Ende ein resigniertes „Ich weiß es nicht.“ In dem Moment wünschte ich mir Lyrics à la „Stupid Little Dreamer“ oder „Black Magic Woman“ zurück. Doch es war zu spät: Ich war dem Unübersetzbaren bereits begegnet. Und ich glaube, das war der Moment, in dem ich beschloss, Übersetzer zu werden.

Das Zappadrudel: Bildrrätsel samt Auflösung auf dem Cover der LP „Ship Arriving Too Late to Save a Drowning Witch“ (1981)

Der große Sprachwissenschaftler und amerikanische Regimekritiker Noam Chomsky, bekannt vor allem als Begründer der Universalgrammatik, zeigte schon vor vielen Jahren, dass man auch mit grammatisch regelkonformen Sätzen völligen Unsinn formulieren kann. Zum Beleg dessen kreierte er den folgenden, berühmt gewordenen Satz:

Colourless green ideas sleep furiously.

Als ich ihn zum ersten Mal in einem sprachwissenschaftlichen Seminar an der Universität Würzburg las, überraschte es mich wenig, dass man mit funktionierender Syntax und normaler Lexik einen unsinnigen Satz produzieren konnte. Kannte ich doch zu diesem Zeitpunkt bereits eine Menge entsprechender Beispiele. So etwa die folgenden Verse aus dem Songtext von „Astronomy Dominé“ (Pink Floyd, 1967):

Lime and limpid green, a second scene

A fight between the blue you once new

Floating down, the sound resounds

Around the icy waters underground.

Wir können nur mutmaßen, was durch Syd Barretts Hirnwindungen zirkulierte, als er dies aufschrieb. Schwer zugängliche Songtexte haben aber auch heute noch ihren festen Platz in der Pop-Kultur.

Kein Drudel, sondern „aan“ – ein Gemälde von Pink-Floyd-Urmitglied Syd Barrett

So machte sich der Musiker und gefürchtete Parodist Alfred Matthew „Weird Al“ Yankovic in einer urkomischen Persiflage auf das Video zu „Give it Away“ von den Red Hot Chili Peppers über die Texte der Band lustig, indem er diesen alternativen Vers intonierte:

I don’t know what I’m singin‘, but I sing it anyway!

Das saß. Und dennoch: Noam Chomskys „colourless green ideas“, Syd Barretts „lime and limpid green“ und die gelegentlich wirren Textblüten der glutroten Pfefferschoten haben eines gemeinsam: Sie führen uns nah heran an die Grenzen des Verstehens und der Übersetzbarkeit. Manch kryptischen Songtext könnte man durchaus übersetzen, nur ergäbe die Übersetzung dann eben auch keinen Sinn. Oftmals ist es aber einfach nur so, dass sich kaum noch ein Musiker die Mühe macht, einen stimmigen Songtext zu schreiben, der zur Interpretation einlädt. Effekthascherei scheint heute in der medialen Kunst wichtiger zu sein als inhaltliche Tiefe.

Dennoch: Gute und schlechte Songtexte sind zum Englischlernen und zur Pflege der übersetzerischen Kompetenz sehr wertvoll. Auch heute noch vergeht kaum ein Tag, an dem ich mir nicht irgendeinen Songtext ins Gedächtnis rufe, um mir sprachliche Figuren bewusst zu machen, um Kollokationen abzurufen, um idiomatische Wendungen zu verstehen, Formuliertes auf die eine oder andere Art einzuordnen und sprachliche Phänomene auf den Prüfstand zu stellen.

Einige Werke des Komponisten Frank Zappa gelten unter Musikern als unspielbar. Und so manche seiner dadaistischen Wortgeflechte waren und sind aufgrund ihrer rätselhaften Lexik geradezu unübersetzbar. Das schützt sie zuverlässig vor dem Vergessen. (Dabei ging es Zappa vermutlich auch darum, die in der Popkultur damals wie heute weit verbreitete Nonsens-Lyrik zu parodieren, denn er war von klugen und schönen Texten durchaus angetan.)

Der „große Zappa“ und der „kleine Zappa“ haben diese Welt übrigens beide viel zu früh verlassen. Beide waren erstaunliche Künstler und haben mich, jeder in seiner Dimension, mit dem Unübersetzbaren konfrontiert.